911 ST von 1966

Mit Sechs-Appeal
Der neue Porsche 901 stellt den Anspruch, zur Spitzenklasse unter
den Automobilen gezählt zu werden. Wir fuhren ihn als erste
Automobil-Zeitschrift der Welt.
   (AutoMotorSport - Heft 8/1964)

Das grazlie Äußere ist nicht nur eine Geschmacksangelegenheit, sondern sorgt auch für viel bessere Sichtverhältnisse, als man sie beim Typ 356 gewohnt ist. Die tiefere Gürtellinie und die höheren Fenster lassen nichts mehr von den Fortschritten vermissen, die der Karosseriebau in dieser Beziehung gemacht hat.

   Bei jedem Auto macht der Motor den Charakter; beim Sportwagen ist man sozusagen mit ihm verheiratet. Das Geräusch, das einen nach dem Anlassen des 901 erwartet, ist das wohlvertraute Geräusch luftgekühlter Porsche-Motoren. Bei höherer Drehzahl des 130 PS leistenden Sechszylinder-Boxers vermischt sich alles zu einem dumpfen und durchaus nicht unangenehmen Ton, dessen Lautstärke nach unserem Eindruck nicht größer ist als bei den Vierzylindern. Von außen hört man jenes "Porrsch", das besonders in südlichen Ländern immer wieder Begeisterung auslöst.

   Bereits nach wenigen Kilometern waren wir von dieser Maschine überzeugt, nicht nur des Tones wegen und nicht nur, weil sie so elastisch läuft, dass man im fünften Gang mit 60 km/h fahren kann, sondern auch wegen der außerordentlichen Drehfähigkeit. Das Werk lässt 6500 U/min als Dauerdrehzahl zu - das ist Musik in den Ohren der Leute, die mit den Porsche-Stoßstangen-Motoren Angst vor der Drehzahl haben müssen. Die achtfach gelagerte, wegen der Boxer-Bauweise sehr kompakte Kurbelwelle muss ein Muster an Steifigkeit sein. Es wurde hier der sagenhaft kurze Hub von 66 mm angewendet, und so kam man mit 80 mm Bohrung auf 332 ccm pro Zylinder, mal sechs macht 1991 ccm. Es ist klar, dass der Wagen mit 130 PS hervorragende Fahrleistungen erreichen muss; eigene Messungen konnten wir nicht machen, aber wir stoppten auf nasser Straße ein Mittel von knapp über 200 km/h. Für die Beschleunigung von null auf 100 km/h gibt das Werk 8,7 Sekunden an. Der Federungskomfort ist für einen Wagen mit so kurzem Radstand erstaunlich, selbst lange Bodenwellen werden ohne plötzliche Vertikalbewegung geschluckt. Bei Grez-Geschwindigkeiten in Kurven kam es zu einem Übersteuer-Effekt, besser gesagt zu einem "Heck-Lenken", das durch Gegenlenken ausgeglichen werden musste. Im Übrigen verhielt sich der Wagen immer untersteuernd. Nachdem wir uns damit vertraut gemacht hatten, machte es sehr viel Spaß, den Wagen an der Grenze zu bewegen - selbst in 180 km/h-Kurven ließ er sich mit entsprechender Dosierung von Gas und Lenkradbewegungen willig dirigieren. Weit besser als beim 356 war der Geradeauslauf bei hohen Geschwindigkeiten.

   Keine Frage: Der neue Sportwagen ist eines der interessantesten Autos der Welt. Er ist ausschließlich als Reisefahrzeug gedacht, nicht für den Gran Turismo-Sport.
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